Ein Insider packt aus

 

Sie sind den Amazonas rauf und runter gepaddelt sind und der Yeti am Mount Everest ist längst ein guter Facebook-Freund von Ihnen? Sie suchen nach neuen Herausforderungen und dem einzig wahren Gefühl von Freiheit und Abenteuer? Da bietet sich doch ein Urlaub bei uns am Deich geradezu an.

Sie sind fremd in Friesland? Die Gegend wirkt abweisend und die Eingeborenen haben seltsame Gebräuche? Suchen Sie nach Bestätigung Ihrer Vorurteile?

Hier sind Sie richtig – ich könnte Ihnen da mal so einiges erzählen…

 

   …was Sie schon immer über Friesland wissen wollten und sich nie getraut haben, zu fragen…!

 

 


MOIN!

 Ja, das ist unser vielzitierter Ganztags-Gruß! Natürlich wünschen wir damit nicht nur ganz profan einen „Guten Tag“ („moin Dag“), sondern legen gleich eine vielfältige soziale und situationsbezogene Abstufung mitten rein.

   Man kann es flöten, grunzen, gröhlen oder knurren. Die engagierten Angestellten einer unserer regionalen Bäckereiketten, die mit knallharter militanter Freundlichkeit wirbt, trällern allen Kunden zum Beispiel prinzipiell ein vielsilbiges „Moin“ über zwei Oktaven entgegen und würden am liebsten dazu auch noch einen astreinen Club-Tanz performen – aber DAS muss man morgens um sechs erst mal abkönnen!

   Ganz wichtig – die Anzahl der Vokale bestimmt den Grad der Höflichkeit.

Also „Moin!“ (weniger geht nicht), wenn man einen Termin im Finanzamt hat. (Sicher ist sicher – man weiß ja nicht, was die wollen. Oder doch. Meistens Geld.)

„Moohoin!“ heißt es beim Betreten eines Geschäftes, der Arztpraxis oder beim „Zurück-Grüßen“ eines Menschen, an dessen Namen man sich ums Verrecken nicht erinnern kann.

„Moooohooooin!“ drückt unbändige Freude über ein zwischenmenschliches Zusammentreffen aus und signalisiert explizit die Bereitschaft, sofort und auf der Stelle ein längeres Gespräch über Gott, die Welt und das Liebesleben des Postboten zu führen.

„Moinsen“ gilt als Plural-Version zum Grüßen einer mehrköpfigen Menschenmenge.

    Bitte achten Sie auf Länge und Tonumfang des Ihnen als Gast entgegengebrachten „Moin`s“.

War es wirklich nur „Moin“? Tja – schade aber auch – hier lautet der Subtext oft: „Die Ferienwohnung ist bis zum nächsten Jahr schon dreifach überbucht und beim Nachbarn ist auch nix mehr frei!“ (DAS nenne ich Sprach-Effizienz!)

    Klang es eher wie „Mooohooin“? Glückwunsch! Kommen Sie ruhig rein, Ihre Hütte ist selbstverständlich bezugsfertig – und wenn Sie nun hiiier noch fix die Kurtaxe in bar bezahlen wollen, steht Ihnen bis zum Horizont nur noch der Deich im Weg.

   „Moooohooooin!“ Herzlichen Glückwunsch – Sie haben es bis zum höchsten Level friesischer Gastfreundschaft gebracht. Setzen Sie sich hin, trinken Sie `n TEE mit – und dann erzählen Sie mal! Im Gegenzug werden Sie über die Genealogie der gesamten Gemeinde, die besten Angebote im SPAR-Markt und die einzig wahre Art, Grünkohl zu kochen, aufgeklärt.

    Bedenken Sie, dass jedes „Moin“ in gleicher Länge und Intensität zurückgegeben werden sollte…

…weil man sonst leicht als unhöflich rüberkommt. „Unhöflich“ ist schlimmer als „ungewaschen“ und zieht sofortige soziale Ächtung nach sich.

Einzige Ausnahme: „Mooohoooin“ dürfen Sie nur mit „Moin“ beantworten, wenn Ihnen Ihr Gegenüber Geld schuldet!

 Alles klar soweit? Na ja, Sie können es ja üben.

 

 


 

 

Und nun: „…das Wetter!“

 

Oh ja. Wetter haben wir! Ganz viel. Frühling, Herbst, Winter, Sturmflut, Regen, Nebel,  viel Regen, Gegenwind oder Sturm – suchen Sie sich was aus. Wenn nichts für Sie dabei ist, warten Sie einen Moment – kann sich ganz schnell ändern. Wir schaffen locker drei Jahreszeiten an einem Tag. Natürlich haben wir auch Sommer. Letztes Jahr war`s das zweite Mai-Wochenende. Die Hitzewelle im Juli 2014 ist allen Klimaanlagen-Herstellern bis heute in guter kommerzieller Erinnerung – vier Tage über 22 Grad – für uns Eingeborene der absolute Hitze-Horror.

„Warm“ brauchen wir nicht, „trocken“ würde schon reichen. Manchmal klappt`s. Meistens nicht. Wo wir gerade davon reden – Regenschirm am Deich! Klappt zwar, aber zusammen. Keine Chance. No way! Sie können es ja mal probieren…wir freuen uns immer herzlich über optimistische touristische Pantomimen. Fragen Sie sich nun, warum der Strandkiosk immer so viele von den Dingern vorrätig hat? Kaufen Sie gern einen neuen nach  - wir brauchen das Zeug nicht.

Es gibt ja Leute, die unsere Region  wettertechnisch ungemütlich finden. Was soll ich sagen – es ist nun mal Nordsee. Wenn Sie ursprünglich in die Karibik wollten und bei uns gelandet sind, müssten Sie mal das Navi updaten.

Ja, wir haben immer Wind. Das ist eigentlich unheimlich praktisch. Besonders, wenn Bauer Harmsen Schweinegülle ausbringt. Und nun verrate ich Ihnen gleich mal eine todsichere Wettervorhersage. Wenn Herr Harmsen also olfaktorisch unverwechselbar mit den Fäkalien unterwegs ist, gibt`s ziemlich zeitnah Regen. Kurz gesagt: Erst stinkt`s, danach wird’s nass.

 

Manchmal wird der Wind stärker. Aber von Sturm sprechen wir erst, wenn die Schafe keine Locken mehr haben!

 

 


 

 

Straßenverkehr

 

In Friesland sind die meisten Straßen einspurig. Zum größten Teil auch die Autobahnen. (Und das bedeutet NICHT etwa: eine Spur pro Fahrtrichtung!)

Wir sind stolz darauf, unseren Touristen etwas bieten zu können. Besonders zur Ferienzeit machen wir unsere Verkehrswege gern vorzeigbar. Sämtliche Baustellen sollten also nicht als böswillige Beeinträchtigung, sondern als Ausdruck unserer überschäumenden Gastfreundschaft verstanden werden.

   Einige winzigkleine regionale Besonderheiten im friesischen Verkehrsverhalten gilt es jedoch, zu beachten.

Eingeborene blinken nicht! Warum auch…wir wissen schließlich, wo wir hin wollen. Außerdem kennen wir unsere jeweiligen Fahrzeuge gegenseitig und sind stets stundengenau darüber informiert, wer wann warum in welche Richtung fährt. Treten Abweichungen vom persönlichen Fahrverhalten auf, werden umgehend (notfalls durch umgehende Kontaktaufnahme mit den nächsten Angehörigen des Fahrers) die Gründe hierfür in Erfahrung gebracht.

   Wesentlich ernster als die Gurtpflicht nehmen wir die Grüß-Pflicht. Alles, was sich (auf, über oder neben der Straße) bewegt, wird gegrüßt. Es ist beileibe nicht so, als würden wir ständig unnötig langsam fahren…wir gucken nur aufmerksam, ob sich nicht noch jemand zum Grüßen findet. Winken, wedeln, Lichthupe, Warnblinkanlage und im Dreivierteltakt gefahrene Schlangenlinien sind hierfür bei den temperamentvolleren Charakteren unter uns bestens geeignet. Konservativ introvertierten Fahrern reicht ein im Zentimeterbereich erhobener Zeigefinger, um den Tatbestand eines ausführlichen zwischenmenschlichen Gesprächs zu erfüllen.

   Vielen Besuchern erscheinen unsere Straßen oft recht schmal. Wenn Sie außerhalb einer bewohnten Ortschaft zu Ihrer Ferienwohnung Richtung Deich unterwegs sind und das Gefühl haben, die Straßengräben würden mit Ihnen kuscheln wollen – don`t panic! Beginnen Sie (noch) nicht, „Highway to Hell“ zu summen. Alles wird gut! Erinnern Sie sich an diese meine Worte, wenn Sie früher oder später auf diesem allerhöchstens halbspurigen Weg auf zwei nebeneinander parkende Trecker stoßen, deren Fahrer sich gerade in einem angeregten Gespräch befinden. Das ist keine optische Täuschung – und Sie kommen trotzdem unbeschadet vorbei! (Grüßen nicht vergessen!)

   Friesland ist eine Gegend voller landschaftlicher Schönheiten. Deswegen sind Sie ja hier. Es ist aber keinesfalls nötig, bei jeder putzigen Kuh auf der Weide nebenan eine Vollbremsung zu Foto-Zwecken hinzulegen. (Das Essen wird erst fotografiert, wenn es auf dem Tisch steht!) Und das gilt ebenfalls auf Brücken, deren Befahren durch die einzige Ampel weit und breit  geregelt wird. („Grün“ heißt „Fahr zu!“)  Unmotivierte Verkehrsbehinderung wird von normalerweise friedfertigen Friesen gar nicht gut aufgenommen und zieht nur in den seltensten Fällen eine Einladung zum Tee nach sich.

   Sie suchen Nervenkitzel und Abenteuer fernab jeder Zivilisation? Willkommen auf Frieslands Straßen - wir werden es Ihnen schon zeigen!

 

   


 

 

 

„…und watt‘ is‘ mit Teeeeee?

 

Es muss ja mal ganz un-witzig gesagt werden: Wir sind Weltmeister!

Jawoll. Schon ganz lange. Natürlich machen wir in unserer gewohnten Bescheidenheit da keinen Aufstand von – aber IHNEN kann ich es ja erzählen.

Betrachtet man nämlich den weltweiten Pro-Kopf-Verbrauch an Tee, kommen Ostfriesen locker auf 300 Liter im Jahr. Die Briten verputzen beim Five-o‘-clock allenfalls 215 Liter und Deutschland landet mit 27 Litern abgeschlagen auf Platz 43.

Erster in der Weltrangliste – na gut, daran arbeiten wir seit dem 18. Jahrhundert. Beharrlichkeit ist friesische Kardinal-Tugend. Lieber Sturkopp als Dööskopp!

Nach den ersten Experimenten mit Holland-Importen aus den niederländischen Kolonien um 1750 herum etablierten sich hinter unseren Deichen die noch heute bestehenden „großen drei“ Tee-Handelshäuser Bünting (1806), Thiele (1873) und Onno Behrends (1886).

Die Grenzen der friesischen Seelande mögen uns geografisch und historisch trennen – die Vorliebe für EINE Tee-Sorte tut dies emotional. Und wie! Das ist vergleichbar mit der Wertschätzung einer Auto-Marke oder eines Fußball-Vereins. Bildlich gesprochen. Natürlich gehen jetzt nicht etwa Thiele-Hooligans gewaltbereit auf den Büntig-Fanblock los. Und es gibt durchaus glückliche Beziehungen zwischen Behrends-Liebhabern und „Anders“-Trinkern. Da kriegt dann eben jeder seinen persönlichen Aufguss – notfalls ehevertraglich gesichert.

Tee-Zeit ist jederzeit!

Nach dem Frühstück kommt der „Elführtje“, auf das Mittagessen folgt die nachmittägliche Teestunde – mit 15.00 Uhr als empfohlener Kernzeit. Und abends nach der Tagesschau darf noch mal so richtig aufgebrüht werden. Angesichts dessen erscheint die statistische 300-Liter-Angabe lachhaft gering.

Ob nun zu jedem dieser täglichen Anlässe das „gute“ Tee-Geschirr (rot oder blau) ausgepackt wird, ist Geschmackssache. Die höfliche Durchschnitts-Ostfriesin wird es aber immer auf den Tisch des Hauses stellen, wenn Besuch kommt. Oder kommen könnte. Der Briefträger zum Beispiel. Also von morgens bis zum Dunkelwerden.

Hatte ich erwähnt, dass jedwedes Tee-Zubehör ausschließlich mit klarem Wasser und per Hand gereinigt werden darf? Spülmaschine? Fehlanzeige! Flüssigreiniger? Der Untergang des Abendlandes!!! Was kommt als nächstes? Tee-Beutel vielleicht? NIEMALS!

Tee ist so gemütlich!

Wenn der Kluntje leise knistert… Wow, so könnte ich glatt meinen nächsten Heimatroman nennen! Aber tatsächlich ist dieses Geräusch so wohlig wie Weihnachten. Dass gerade Ostfriesen schon bei dem Gedanken daran leuchtende Augen kriegen, liegt an der genetischen Prägung und ist für Deutschländer nur schwer erlernbar. Aber nicht unmöglich.

Kommen Sie vorbei - ich setz schon mal den Tee auf. Weil ich mein Friesentum aber nicht ultra-orthodox verfechte, sondern eher liberal-reformiert bin, würde ich Ihnen auch `nen Kaffee anbieten können.

 

 

 

 


...bleiben Sie bitte neugierig...selbstverständlich wird regelmäßig aktuell up-gedatet!