Ein Insider packt aus

 

Sie sind den Amazonas rauf und runter gepaddelt sind und der Yeti am Mount Everest ist längst ein guter Facebook-Freund von Ihnen? Sie suchen nach neuen Herausforderungen und dem einzig wahren Gefühl von Freiheit und Abenteuer? DA bietet sich doch ein Urlaub bei uns am Deich geradezu an.

Sie sind fremd in Friesland? Die Gegend wirkt abweisend und die Eingeborenen haben seltsame Gebräuche? Suchen Sie nach Bestätigung Ihrer Vorurteile?

Hier sind Sie richtig – ich könnte Ihnen da mal so einiges erzählen…

 

   …was Sie schon immer über Friesland wissen wollten und sich nie getraut haben, zu fragen…!

 

 


Draußen ist hohe Luftfeuchtigkeit und Sie haben zwar ein gemütliches Sofa, aber nichts zum Lesen? Da könnte ich Ihnen glatt was empfehlen!

Sie erhalten »Verrückt nach Friesland« in der Buchhandlung Ihres Vertrauens oder über die üblichen Online-Anbieter.

 

Fröhliche Grüße vom regennassen Deich in die Runde gewinkt...!

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MOIN!

 

Ja, das ist unser vielzitierter Ganztags-Gruß! Natürlich wünschen wir damit nicht nur ganz profan einen „Guten Tag“ („moin Dag“), sondern legen gleich eine vielfältige soziale und situationsbezogene Abstufung mitten rein.

   Man kann es flöten, grunzen, gröhlen oder knurren. Die engagierten Angestellten einer unserer regionalen Bäckereiketten, die mit knallharter militanter Freundlichkeit wirbt, trällern allen Kunden zum Beispiel prinzipiell ein vielsilbiges „Moin“ über zwei Oktaven entgegen und würden am liebsten dazu auch noch einen astreinen Club-Tanz performen – aber DAS muss man morgens um sechs erst mal abkönnen!

   Ganz wichtig – die Anzahl der Vokale bestimmt den Grad der Höflichkeit.

Also „Moin!“ (weniger geht nicht), wenn man einen Termin im Finanzamt hat. (Sicher ist sicher – man weiß ja nicht, was die wollen. Oder doch. Meistens Geld.)

„Moohoin!“ heißt es beim Betreten eines Geschäftes, der Arztpraxis oder beim „Zurück-Grüßen“ eines Menschen, an dessen Namen man sich ums Verrecken nicht erinnern kann.

„Moooohooooin!“ drückt unbändige Freude über ein zwischenmenschliches Zusammentreffen aus und signalisiert explizit die Bereitschaft, sofort und auf der Stelle ein längeres Gespräch über Gott, die Welt und das Liebesleben des Postboten zu führen.

„Moinsen“ gilt als Plural-Version zum Grüßen einer mehrköpfigen Menschenmenge.

    Bitte achten Sie auf Länge und Tonumfang des Ihnen als Gast entgegengebrachten „Moin`s“.

War es wirklich nur „Moin“? Tja – schade aber auch – hier lautet der Subtext oft: „Die Ferienwohnung ist bis zum nächsten Jahr schon dreifach überbucht und beim Nachbarn ist auch nix mehr frei!“ (DAS nenne ich Sprach-Effizienz!)

    Klang es eher wie „Mooohooin“? Glückwunsch! Kommen Sie ruhig rein, Ihre Hütte ist selbstverständlich bezugsfertig – und wenn Sie nun hiiier noch fix die Kurtaxe in bar bezahlen wollen, steht Ihnen bis zum Horizont nur noch der Deich im Weg.

   „Moooohooooin!“ Herzlichen Glückwunsch – Sie haben es bis zum höchsten Level friesischer Gastfreundschaft gebracht. Setzen Sie sich hin, trinken Sie `n TEE mit – und dann erzählen Sie mal! Im Gegenzug werden Sie über die Genealogie der gesamten Gemeinde, die besten Angebote im SPAR-Markt und die einzig wahre Art, Grünkohl zu kochen, aufgeklärt.

    Bedenken Sie, dass jedes „Moin“ in gleicher Länge und Intensität zurückgegeben werden sollte…

…weil man sonst leicht als unhöflich rüberkommt. „Unhöflich“ ist schlimmer als „ungewaschen“ und zieht sofortige soziale Ächtung nach sich.

Einzige Ausnahme: „Mooohoooin“ dürfen Sie nur mit „Moin“ beantworten, wenn Ihnen Ihr Gegenüber Geld schuldet!

 Alles klar soweit? Na ja, Sie können es ja üben.

 

 


 

 

Landessprache

 

 Man sollte doch meinen, dass das Friesisch ist, oder nicht?!  Tja, nun…

    Der Siedlungsraum unserer verehrten Ahnen war geografisch weitläufig und oft unzugänglich. Außerdem wurde er durch nervige Sturmfluten mehrmals kreativ umgestaltet. Hinzu kommt noch, dass die verschiedenen Ur-Sippen untereinander gern mal zerstritten waren. So gibt es nicht nur ein „Friesisch an sich“, sondern gleich drei Sprachsorten. Das muss Sie jetzt nicht weiter bekümmern, weil Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nichts davon mitbekommen.

   Neudeutsche behördliche Bemühungen um unser aller Erbe in Form von Friesisch-Unterricht ab der Grundschule können frühestens in der nächsten Generation hörbar werden – wenn überhaupt. (Davon abgesehen haben unsere kleinen Tammos, Renkes und Hiskeas in freier Wildbahn kaum sprachliche Vorbilder, dafür aber ein Smartphone – und die coolsten Apps sind nun mal nicht friesisch!)

Es bleibt eine traurige Tatsache - die Muttersprachler sterben aus. Friesisch war lange Zeit  überhaupt nicht „en vogue“, weil es

a) den Sprecher sofort als Dorftrottel dastehen ließ und

b) außerhalb Frieslands so gut wie gar nicht verstanden wurde.

Dies machte Friesisch als Sprache zur reinen Privatsache. Untereinander gern, immer und oft, manchmal auch ziemlich laut. Selten, aber fein: einige ländliche Gemeinden verlangen von ihren Angestellten Friesisch-Kenntnisse – in Wort und Schrift. Dort findet man auch zweisprachige Orts- und Straßenschilder.

Da man Sie in unserer Gegend (wie genau, sag ich nicht!) mit ziemlicher Sicherheit als „zu Besuch“ identifizieren wird, tritt man Ihnen höflich hochsprachig entgegen.

Außerhalb des eigenen Einzugsbereiches sprechen wir nämlich astreines Amtsdeutsch! Wir haben Stil und Klasse – wir wissen, was sich gehört! (Geht ja auch schneller, wenn man nicht alles dreimal sagen und hinterher noch doppelt erklären muss.)

   Hab ich gerade „astreines Amtsdeutsch“ gesagt?! Na, fast. Wäre ja langweilig, wenn man sprechen würde, wie man schreibt. Bisschen Herausforderung für den Zuhörer muss sein.

Konsonanten werden überschätzt – aber aus Vokalen holen wir ALLES raus! (In einigen abgeschiedenen Gegenden Ostfrieslands hält sich jedoch bis heute hartnäckig ein deutliches „Rrr“, das in allen anderen Regionen bereits abgeschafft wurde.)

   Die Dialektpalette reicht von Dünen-Dänisch bis Deich-Platt und wird von Außer-Friesischen als ungemein sympathisch

(JA, SO sind WIR!) wahrgenommen.

Das hab ich mir nicht ausgedacht – dazu gibt`s jedes Jahr amtliche Untersuchungen.

 

And the winner is…okay, Sie haben`s kapiert.

 


 

 

 

 

Berühmte Friesen

 

Berühmt?! Das ist, wenn man jemanden kennt und öfter über ihn redet, oder? Also so jemand wie Uschi vom Frisuren-Stübchen? Also, ich sag Ihnen mal…der Neue von ihr ist mindestens 10 Jahre jünger als sie…DAS kann ja nicht gutgehen! Und bei Frauke aus der Bauernsiedlung hält dauernd das Postauto – ist sie nur kaufsüchtig oder hat sie was dem dem DHL-Typen? (Wer`s weiß, bitte melden.)

Oder meinen Sie eher so „richtig berühmt“?

Kennen Sie Otto? Gut, dann ist ja alles klar. Nein, wir sind nicht alle so. Wenn Sie also nach Friesland kommen, um Ureinwohner im Känguru-Stil über`n Deich hoppeln zu sehen, muss ich Sie enttäuschen.  

Was ist mit Herrn Nielsson? Nein, nicht der Pippi-Affe, sondern der Erfinder des „Friesen-Nerzes“? Ein gutes Beispiel dafür, dass „berühmt“ nicht alles ist – reich und glücklich reicht schon.

Nun kommt aber einer, den Sie garantiert kennen. Theodor Mommsen! (DOCH, DEN kennen Sie. Literatur-Nobelpreis 1902! Tun Sie jetzt wenigstens so, als ob Sie seine 3 besten Bücher im Wohnzimmer-Regal zu stehen haben. Welche seiner Werke die bekanntesten sind?! Googeln Sie doch selbst!)

Jetzt aber! Peter Stuyvesand! Jawoll – ein Friese! Einer von uns! (Nein, die Zigarettenmarke hat er nicht erdacht. Die Tabakfirma ist nur ihm zu Ehren so benannt worden.) Und was ist aus unserem Exportschlager geworden? Er hat praktisch aus dem Nichts New York gegründet („WER hat`s erfunden?!“) und gleich einen auf „Bürgermeister“ gemacht!

DAS kann ja nun mal nicht jeder!

Andere Völker, andere Sitten: Deutlich südlicher wohnende Leute hauen gern mal der ganzen Welt ihr privates Lebensgefühl um die Ohren. „Mia san mia“ ist zwar PR-mäßig vollinhaltlich gelungen – aber für uns ist so viel Eigenlob ein bisschen befremdlich. Das Licht der Öffentlichkeit fällt eben nicht in den Schatten vom Deich – gut so.

 

Wenn es einen Slogan für Friesland gäbe, würde er „Jo!“ heißen. Und DAS sagt ja wohl alles.

 

 


 

 

Und nun: „…das Wetter!“

 

Oh ja. Wetter haben wir! Ganz viel. Frühling, Herbst, Winter, Sturmflut, Regen, Nebel,  viel Regen, Gegenwind oder Sturm – suchen Sie sich was aus. Wenn nichts für Sie dabei ist, warten Sie einen Moment – kann sich ganz schnell ändern. Wir schaffen locker drei Jahreszeiten an einem Tag. Natürlich haben wir auch Sommer. Letztes Jahr war`s das zweite Mai-Wochenende. Die Hitzewelle im Juli 2014 ist allen Klimaanlagen-Herstellern bis heute in guter kommerzieller Erinnerung – vier Tage über 22 Grad – für uns Eingeborene der absolute Hitze-Horror.

„Warm“ brauchen wir nicht, „trocken“ würde schon reichen. Manchmal klappt`s. Meistens nicht. Wo wir gerade davon reden – Regenschirm am Deich! Klappt zwar, aber zusammen. Keine Chance. No way! Sie können es ja mal probieren…wir freuen uns immer herzlich über optimistische touristische Pantomimen. Fragen Sie sich nun, warum der Strandkiosk immer so viele von den Dingern vorrätig hat? Kaufen Sie gern einen neuen nach  - wir brauchen das Zeug nicht.

Es gibt ja Leute, die unsere Region  wettertechnisch ungemütlich finden. Was soll ich sagen – es ist nun mal Nordsee. Wenn Sie ursprünglich in die Karibik wollten und bei uns gelandet sind, müssten Sie mal das Navi updaten.

Ja, wir haben immer Wind. Das ist eigentlich unheimlich praktisch. Besonders, wenn Bauer Harmsen Schweinegülle ausbringt. Und nun verrate ich Ihnen gleich mal eine todsichere Wettervorhersage. Wenn Herr Harmsen also olfaktorisch unverwechselbar mit den Fäkalien unterwegs ist, gibt`s ziemlich zeitnah Regen. Kurz gesagt: Erst stinkt`s, danach wird’s nass.

 

Manchmal wird der Wind stärker. Aber von Sturm sprechen wir erst, wenn die Schafe keine Locken mehr haben!

 

 


 

 

Straßenverkehr

 

In Friesland sind die meisten Straßen einspurig. Zum größten Teil auch die Autobahnen. (Und das bedeutet NICHT etwa: eine Spur pro Fahrtrichtung!)

Wir sind stolz darauf, unseren Touristen etwas bieten zu können. Besonders zur Ferienzeit machen wir unsere Verkehrswege gern vorzeigbar. Sämtliche Baustellen sollten also nicht als böswillige Beeinträchtigung, sondern als Ausdruck unserer überschäumenden Gastfreundschaft verstanden werden.

   Einige winzigkleine regionale Besonderheiten im friesischen Verkehrsverhalten gilt es jedoch, zu beachten.

Eingeborene blinken nicht! Warum auch…wir wissen schließlich, wo wir hin wollen. Außerdem kennen wir unsere jeweiligen Fahrzeuge gegenseitig und sind stets stundengenau darüber informiert, wer wann warum in welche Richtung fährt. Treten Abweichungen vom persönlichen Fahrverhalten auf, werden umgehend (notfalls durch umgehende Kontaktaufnahme mit den nächsten Angehörigen des Fahrers) die Gründe hierfür in Erfahrung gebracht.

   Wesentlich ernster als die Gurtpflicht nehmen wir die Grüß-Pflicht. Alles, was sich (auf, über oder neben der Straße) bewegt, wird gegrüßt. Es ist beileibe nicht so, als würden wir ständig unnötig langsam fahren…wir gucken nur aufmerksam, ob sich nicht noch jemand zum Grüßen findet. Winken, wedeln, Lichthupe, Warnblinkanlage und im Dreivierteltakt gefahrene Schlangenlinien sind hierfür bei den temperamentvolleren Charakteren unter uns bestens geeignet. Konservativ introvertierten Fahrern reicht ein im Zentimeterbereich erhobener Zeigefinger, um den Tatbestand eines ausführlichen zwischenmenschlichen Gesprächs zu erfüllen.

   Vielen Besuchern erscheinen unsere Straßen oft recht schmal. Wenn Sie außerhalb einer bewohnten Ortschaft zu Ihrer Ferienwohnung Richtung Deich unterwegs sind und das Gefühl haben, die Straßengräben würden mit Ihnen kuscheln wollen – don`t panic! Beginnen Sie (noch) nicht, „Highway to Hell“ zu summen. Alles wird gut! Erinnern Sie sich an diese meine Worte, wenn Sie früher oder später auf diesem allerhöchstens halbspurigen Weg auf zwei nebeneinander parkende Trecker stoßen, deren Fahrer sich gerade in einem angeregten Gespräch befinden. Das ist keine optische Täuschung – und Sie kommen trotzdem unbeschadet vorbei! (Grüßen nicht vergessen!)

   Friesland ist eine Gegend voller landschaftlicher Schönheiten. Deswegen sind Sie ja hier. Es ist aber keinesfalls nötig, bei jeder putzigen Kuh auf der Weide nebenan eine Vollbremsung zu Foto-Zwecken hinzulegen. (Das Essen wird erst fotografiert, wenn es auf dem Tisch steht!) Und das gilt ebenfalls auf Brücken, deren Befahren durch die einzige Ampel weit und breit  geregelt wird. („Grün“ heißt „Fahr zu!“)  Unmotivierte Verkehrsbehinderung wird von normalerweise friedfertigen Friesen gar nicht gut aufgenommen und zieht nur in den seltensten Fällen eine Einladung zum Tee nach sich.

   Sie suchen Nervenkitzel und Abenteuer fernab jeder Zivilisation? Willkommen auf Frieslands Straßen - wir werden es Ihnen schon zeigen!

 

   


 

 

 

„…und watt‘ is‘ mit Teeeeee?

 

Es muss ja mal ganz un-witzig gesagt werden: Wir sind Weltmeister!

Jawoll. Schon ganz lange. Natürlich machen wir in unserer gewohnten Bescheidenheit da keinen Aufstand von – aber IHNEN kann ich es ja erzählen.

Betrachtet man nämlich den weltweiten Pro-Kopf-Verbrauch an Tee, kommen Ostfriesen locker auf 300 Liter im Jahr. Die Briten verputzen beim Five-o‘-clock allenfalls 215 Liter und Deutschland landet mit 27 Litern abgeschlagen auf Platz 43.

Erster in der Weltrangliste – na gut, daran arbeiten wir seit dem 18. Jahrhundert. Beharrlichkeit ist friesische Kardinal-Tugend. Lieber Sturkopp als Dööskopp!

Nach den ersten Experimenten mit Holland-Importen aus den niederländischen Kolonien um 1750 herum etablierten sich hinter unseren Deichen die noch heute bestehenden „großen drei“ Tee-Handelshäuser Bünting (1806), Thiele (1873) und Onno Behrends (1886).

Die Grenzen der friesischen Seelande mögen uns geografisch und historisch trennen – die Vorliebe für EINE Tee-Sorte tut dies emotional. Und wie! Das ist vergleichbar mit der Wertschätzung einer Auto-Marke oder eines Fußball-Vereins. Bildlich gesprochen. 

Natürlich gehen jetzt nicht etwa Thiele-Hooligans gewaltbereit auf den Büntig-Fanblock los. Und es gibt durchaus glückliche Beziehungen zwischen Behrends-Liebhabern und „Anders“-Trinkern. Da kriegt dann eben jeder seinen persönlichen Aufguss – notfalls ehevertraglich gesichert.

Tee-Zeit ist jederzeit!

Nach dem Frühstück kommt der „Elführtje“, auf das Mittagessen folgt die nachmittägliche Teestunde – mit 15.00 Uhr als empfohlener Kernzeit. Und abends nach der Tagesschau darf noch mal so richtig aufgebrüht werden. Angesichts dessen erscheint die statistische 300-Liter-Angabe lachhaft gering.

Ob nun zu jedem dieser täglichen Anlässe das „gute“ Tee-Geschirr (rot oder blau) ausgepackt wird, ist Geschmackssache. Die höfliche Durchschnitts-Ostfriesin wird es aber immer auf den Tisch des Hauses stellen, wenn Besuch kommt. Oder kommen könnte. Der Briefträger zum Beispiel. Also von morgens bis zum Dunkelwerden.

Hatte ich erwähnt, dass jedwedes Tee-Zubehör ausschließlich mit klarem Wasser und per Hand gereinigt werden darf? Spülmaschine? Fehlanzeige! Flüssigreiniger? Der Untergang des Abendlandes!!! Was kommt als nächstes? Tee-Beutel vielleicht? NIEMALS!

Tee ist so gemütlich!

Wenn der Kluntje leise knistert… Wow, so könnte ich glatt meinen nächsten Heimatroman nennen! Aber tatsächlich ist dieses Geräusch so wohlig wie Weihnachten. Dass gerade Ostfriesen schon bei dem Gedanken daran leuchtende Augen kriegen, liegt an der genetischen Prägung und ist für Deutschländer nur schwer erlernbar. Aber nicht unmöglich.

Kommen Sie vorbei - ich setz schon mal den Tee auf. Weil ich mein Friesentum aber nicht ultra-orthodox verfechte, sondern eher liberal-reformiert bin, würde ich Ihnen auch `nen Kaffee anbieten können.

 

 

 

 


 

 

 

Friesische Küche

 

DAS ist ja nun mal ein Thema, das heftig polarisiert. Beginnen wir mit dem historischen Rückblick…dann haben wir den schon mal hinter uns und können anschließend ein bisschen was essen.

Das jahrhundertelange Leben auf kargen Warften (mit ganz viel „Nichts“ umzu) hinterließ tiefe kulinarische Furchen im kulturellen Bewusstsein der Friesen. Wenn man mit nur einem Topf pro Haushalt über offenem Torf-Feuer kochen und dabei noch lokalen Hünen die Arbeitskraft erhalten muss, gilt: „Satt“ ist besser als „lecker“! Da wurde nicht stundenlang über Tisch-Deko oder die Konsistenz der Sauce diskutiert – gegessen wurde, was tot genug war, um auf`m Teller liegen zu bleiben – und noch `n Happen Bauchspeck obendrauf! Da die friesische Hausfrau seit jeher gern effizient und zeitsparend arbeitet, erledigte man Essen und Trinken meistens in einem Gang (bitte wörtlich nehmen). Aus dieser Zeit stammen viele Rezepte, die die Verwendung von Alkohol (als Aperitif und Absacker) und Sahne (Dessert inklusive) gleichzeitig zwingend erfordern.  

In der neudeutschen Interpretation bedeutet das: „Light“ is‘ nich‘!

Friesische Kost ist gewöhnungsbedürftig. Am besten, man wächst damit auf und vermeidet lebenslang strikt direkte Vergleiche mit anderen Regional-Küchen. Möglicherweise gäbe es auch viel mehr Sterne-Restaurants in unseren unendlichen Weiten, wenn sich jemand mal die Mühe machen würde, die Namen unserer Lieblings-Gerichte ins Französische zu übersetzen. Oder frankophon auszusprechen. Probieren Sie das bitte zunächst mit „Grünkohl“ und gehen dann zu „updröögt Bohnen“ über. 

Es war echt kein geschickter Schachzug der ur-friesischen PR-Abteilung, unser täglich Brot so dermaßen kurz, knapp und anschaulich zu vermarkten, dass der erwartungsvollen Phantasie eines modernen halbverhungerten Touristen absolut kein Spielraum bleibt.

Friesische Küche ist Geschmackssache. Für die einen ist es ein Härtetest, für die anderen das „Paradies im Pott“. Etliche zugereiste Sensibelchen schwören darauf, sich ihr Essen vorher schönzutrinken. Das netteste, was man über unsere lokalen Speisen sagen kann: Mit reichlich Alkohol dazu (natürlich nur zu Verdauungszwecken) schmecken sie nahezu jedem. Je hochprozentiger, desto besser. Sowohl abgetötete Geschmacksnerven als auch seliges Vergessen sind manchmal äußerst hilfreich.

Was würden Sie sich als Nicht-Friese zum Beispiel unter „Grünkohl“  vorstellen? Einen kuhfladen-ähnlichen Klecks Gemüse auf`m Teller unter einer Auswahl fettglänzender Fleischstücke und ebensolcher Kochwürste? Richtig! (Waren Sie schon mal bei uns in der Gegend?) Den (wirklich alles) durchdringenden Geruch müssen Sie sich kurz wegdenken. Und nun greifen Sie zu. Los jetzt! Na? Hab ich doch gesagt –  unbeschreiblich! Geradezu göttlich! Wenn Sie mich ganz lieb fragen, verrate ich Ihnen vielleicht sogar unser familieneigenes Geheimrezept – seit Generationen in mütterlicher Linie vererbt!

Ein anderer Klassiker ist „Birnen und Hüdel“.  Wie der Name schon verspricht: Kochbirnen im eigenen süßen Saft zu verschiedenen gehaltvollen Spezialitäten des örtlichen Schlachters an gedämpftem Hefekloß. Das ist der berühmte „Hüdel“…Stolz und Aushängeschild jeder Hausfrau. Der wird nach jahrelanger Übung freihändig mit variablen Mengenangaben praktisch „aus`m Kopf“ zusammengezimmert…und wenn nicht, wird wenigstens die Plastik-Verpackung des fertig gekauften Industrie-Hüdels diskret ganz unten im Sondermüll versteckt. Aber sowas unvorstellbar schreckliches würde außer mir bestimmt niemand tun.

„Updröögt Bohnen“ (den Teil mit der obligatorischen Fleischbeilage überspringe ich mal) sind geschmacklich nicht nur der Himmel auf Erden, sondern leider auch extrem zeitaufwändig in der Zubereitung. Die namensgebenden Bohnen müssen selbst angebaut sein oder vom Landwirt des Vertrauens stammen, einzeln auf meterlange Schnüre gefädelt und monatelang getrocknet werden. Wenn man sich dann aufrafft, sie zu verarbeiten, werden sie durch stundenlanges Einweichen wieder reanimiert, danach von Hand verlesen und schließlich penibel geputzt. Die nötige Zubereitungszeit im Kochtopf von zweieinhalb bis drei Stunden kommt einem im Vergleich dazu wie „Endspurt“ vor.

Der Hype, der um „Steckrüben-Eintopf“ gemacht wird,  ist mir rätselhaft. Spontan fällt mir dazu nur ein, dass er farblich gut zur Küche passt – wenn man denn in „überwiegend beige“ eingerichtet ist.

Wussten Sie eigentlich, dass es in Friesland ganz viele glückliche Vegetarier gibt? Jawoll! Wochentags stehen sie auf der Weide – und sonntags auf`m Tisch!!!

 

Na? Möchten Sie mal zum Essen kommen? Anschließend können Sie richtig schick trinken!

 

 


...bleiben Sie bitte neugierig...selbstverständlich wird regelmäßig aktuell up-gedatet!